Brecht/Weill

"Die Dreigroschenoper "

Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz

Musikalische Leitung: Roland Vieweg

Ausstattung: Mathias Werner

 

Nordkurier Januar 2005:

"Das Elend auf Quotenjagd "

 


Ist der Jubel suspekt? Ist einem Publikum, das sich bei der „Dreigroschenoper“ bestens unterhalten fühlt, die bitterböse Botschaft verschlossen geblieben? Diese Sorge bewog Brecht nach der Uraufführung 1928, das Stück in immer neuen Bearbeitungen weiter zu politisieren; sie mag auch die Neustrelitzer Theaterleute umtreiben, die am Wochenende für ihre Premiere langen, langen Applaus und Bravo-Rufe ernteten.

... In den Neustrelitzer Operninszenierungen der vergangenen Jahre als bekennender Modernisierer aufgefallen, gibt sich der ausgewiesene Musiktheater-Regisseur nun in seiner Arbeit mit dem (an gesangliche Grenzen stoßenden) Schauspiel-Ensemble, der Deutschen Tanzkompanie (mit stark illustrativen Choreografien von Ute Raab) und dem Preußischen Kammerorchester Prenzlau (lebendige musikalische Leitung durch Roland Vieweg) weitgehend der Zeitlosigkeit des Ur-Textes verpflichtet. ...

Wer ist dieser Mac eigentlich? Was macht seine Autorität gegenüber den Platte-Ganoven, seine charismatische Wirkung auf die Huren und die ehrbaren Töchter aus? Kai Roloff zeichnet ihn als eitlen Ganoven, der etwas Besseres sein will: Unternehmer – das Geschäftsleben als Steigerungsform des Verbrechens. Die Bühne in sinniger Zurückhaltung als funktionales Warenlager mit Mauer-Ambiente stilisierend, bedient Ausstatter Mathias Werner in den Kostümen den karikierenden Grundton der Inszenierung: Huren schreiten in glänzenden Kleidern einher, Mac und sein Polizeichef-Freund in Zirkusuniformen, die Peachums (Michael Meister, Beate Biermann) clownesk bis schrill: Ihr „Fachgeschäft für Überlebensmittel“ lehrt Betteln als Entertainment, auf Quote bedacht. ... Wer daraus mehr mitnimmt als bloßes Amüsement, dem sollte auch das Amüsement vergönnt sein.

Anzeigenkurier Januar 2005:

"Riesenapplaus für "Dreigroschenoper "

Mit großem Jubel und Riesenapplaus wurde am vergangenen Wochenende am Landestheater Neustrelitz die Premiere von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper" mit der Musik von Kurt Weill aufgenommen. Mit diesem Stück, das aktueller kaum sein könnte, beleuchtet das Schauspielensemble unter der Regie von Wolfgang Ansel teils ernst, teils ironisch existenzielle Fragen: Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes? Und schließlich: Wie menschlich kann man bleiben in einer Gesellschaft, in der alles Menschliche zum Geschäft geworden ist? ...

So populäre Lieder wie die „Moritat von Mackie Messer" (vorgetragen von Klaus Dieter Ulrich),

„Die Seeräuber-Jenny" (gesungen von Kristina Günther-Vieweg) oder der „Kanonensong“ ( Kai Roloff und Arno Sudermann im Duett), aber auch „Das erste Dreigroschenfinale“ (dargeboten von Michael Meister) haben an ihrer Wirkung nichts eingebüßt, und die Darsteller erhielten dafür viel Szenenapplaus.

 

DAS BLAETTCHEN Februar 2005

Denn wovon lebt der Mensch?

Diese Frage stellt sich ja fast jedem immer wieder fast jeden Tag, und wenn er das Pech hat, Ossi, Geistesmensch, über vierzig Jahr alt, Künstler gar oder – Gott bewahre – einiges davon gleichzeitig zu sein, dann hat dieser Mensch keine Fragen, nein, er hat ein handfestes Problem. Das Unwort des Jahres heißt denn auch folgerichtig »Humankapital«. Um humanes Handeln geht es kaum in der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill, viel mehr fast ausschließlich um das Kapital, um seine Erbeutung und seine Verteilung, um das Abrechnungswesen und immer wieder um Prozente und Lizenzen, buchstäblich herausgeschlagen aus den Ärmsten der Armen. Das »alte« Stück wird wieder brennend aktuell.

Regisseur Wolfgang Ansel (Hamburg) ging an das Werk heran, ohne Aussagen politischer Aktualität zu verweigern und ohne übertriebene Ehrfurcht vor dem übermächtigen Brecht aufkommen zu lassen. Er erarbeitete eine schlüssige und zeitgemäße Inszenierung, die das Ensemble in eine text- und ablaufgenaue, vielschichtige Lesart umsetzte. Plastisch herausgearbeitet sind die verschiedenen Interessenkonstellationen mit all ihren Wendungen, Brüchen und opernhaften Zufällen. Ganz im Sinne des großen BB haben die Darsteller alle immer mal wieder etwas zu lernen, wobei der Lernvorgang meistens durch eine Tracht Prügel oder durch Erpressung im großen Stil befördert wird.

Über jedem »Da könn'se was lernen«, das von der Bühne herab gesprochen wird, liegt das messerscharfe, zweischneidige »its good for you«, mit dem englischsprechende Underdogs den jeweils anderen verbal noch tiefer ins Unglück drücken. Das alles ist ganz in der Tradition des englischen Theaters mit seiner Lust an makabren Geschehnissen, an der Not und der Pein, die der »Kreatur Mensch« in bitterschwarzen und zugleich unterhaltenden Bildern zugefügt wird.

Glanzstücke des Abends sind Peachums (Michael Meister) diverse »Festvorbereitungen« anläßlich der Krönung der jungen Königin, die er dazu nutzen möchte, den ungeliebten »Schwiegersohn« Macheath, genannt »Mackie Messer« loszuwerden. Dieser ist kein übler Kerl, er weiß genau, daß man nur im Wohlstand angenehm leben kann, und er schneidet sich halt seinen Teil vom Kuchen ab. Der letzte »Gentleman von janz London«, der überraschend sensible Mackie Messer (Kai Roloff) liefert sich nicht nur brillante Duelle mit dem Polizeichef Brown (Arno Sudermann). Ihm gelingt es vor allem, den 3. Akt in überzeugender Form zu »seinem« Akt zu machen. Hervorragend besetzt sind auch die Frauenrollen, allen voran die Polly von Kristina Günther, die eine überzeugende Wandlung vom naiven Mädchen zur knallharten, aber nicht gefühllosen Geschäftsfrau vorführt und die Spelunken-Jenny von Franka Anne Kahl, die in ihrer Rollengestaltung auch den musikalischen Kontrast zwischen Oper und Gosse brillant herausstellt.

Überhaupt gelang es dem Darsteller-Ensemble durchgehend, die verzehrende Melancholie der Weillschen Melodien zu erspüren, von denen Helmut Kotschenreuther 1962 schrieb, daß »die Melancholie, die Weill seinen Figuren mitgibt, die moralische Rehabilitation dieser Figuren einleitet: wer so zu empfinden vermag, kann nicht bloß Nutznießer der Verhältnisse sein, die, nach Peachum, nicht so sind, wie sie sein sollten, er ist Nutznießer und Opfer zugleich«.

Da man die im Dunkeln nicht sieht, wie es der uneitle, aber sehr präsente und wunderbar melancholische Moritatensänger (Klaus Dieter Ulrich) verkündet, sei an dieser Stelle auf die besonderen Qualitäten des Orchesters hingewiesen: Die schmissig-militante Moralität des ersten und die schrillen Provokationen des zweiten Dreigroschenfinales waren ebenso hinreißend wie das große Chorfinale in rasantem Tempo mit seinem utopischen Grad an Unwirklichkeit. Denn: Der dialektische Widerspruch zwischen Taten (Texten) und Tönen kann vom Zuschauer nur aufgelöst werden, wenn die Töne ganz ernsthaft ausmusiziert werden. Die Liebesduette in dieser Inszenierung funktionieren, weil sie klingen, als handle es sich um die Überreichung der silbernen Rose. Und auch die Jazzelemente der Partitur ergeben nur einen Sinn, wenn der Preußenmarsch hindurchklingt. Dies ist hier der Fall, und deshalb ein großes Kompliment an den Kapellmeister Roland Vieweg, der selbst Klavier und Harmonium spielte, und an seine elf Mitstreiter im Orchestergraben.

 

NDR STUDIO NEUBRANDENBURG Januar 2005

Da stehen sie nun, die Stützen der Gesellschaft, ein kleines Podest erhebt sie über das gemeine Fußvolk, mitten im Licht, mit maskenhaft starrem Grinsen auf den Gesichtszügen: der Gauner Macheath, eben noch Galgenvogel, jetzt schon im erblichen Adelsstand. Und Peachum, sein Schwiegervater wider Willen, der Mackie Messer vor einer Minute noch an den Galgen liefern wollte. Doch jetzt ist eben dieser Gauner ein Geschäftspartner mit Perspektive geworden. Die beiden werden sich zusammentun, man spürt es – und eine märchenhafte Erfolgsgeschichte, ein Businessplan, eine wirkliche heiße Story nimmt ihren Lauf. Das Volk, das dabei stören könnte, ist aus dem Weg geräumt: am Strick baumeln die Räuberkumpane von Macheath, die Zeugen seiner Verbrechen – und die Bettler, einst Demonstrationsmasse, dämmern im Bühnendunkel vor sich hin. Am Schluß, zum großen Finale, hat die Inszenierung von Wolfgang Ansel ihr Bild gefunden. Die im Lichte – und die im Dunkeln – das Bild einer Klassengesellschaft. ...

Das Neustrelitzer Ensemble meistert, großenteils souverän, die rhythmischen und musikalischen Vertracktheiten der Partitur. Eine wirklich große Stimme ist nicht zu hören, aber die Dreigroschenoper ist ja auch keine Sängeroper – eher eine Sammlung von Couplets und Gassenhauern für singende Schauspieler. Und die dürfen - auch in Parodie und Groteske – zeigen, was sie können. Im Gedächtnis bleiben vor allem Michael Meister als dämonisch funkelnder Bettlerkönig Peachum und ein entfesseltes Eifersuchtsduett zwischen Kristina Günther-Vieweg als Polly und Jelena Fräntzel als Lucy.

Ein unterhaltsamer Abend, eine sorgfältig gebaute Inszenierung.